Von Rohdiamanten und fetten Händen

Was mache ich hier nur?“ fragte ich mich als ich mich von einer Ecke des Raumes in die andere bewegte, wohlgemerkt als Katze, Affe und als Schlange.

Alles begann am 14.03.2019 als ich bei einer Alice war, die am Staatstheater in Braunschweig als Tänzerin arbeitet. Und als wir da so saßen, fragte sie mich plötzlich „HEYY CHRIIIS, willst du nicht beim Projekt „tanzwärts: Wanderer“ mitmachen??? Das ist bestimmt etwas für dich. Jede/r kann bei dem gemeinsamen Projekt mittanzen und dann treten wir alle gemeinsam im großen Haus auf“. 

Nach einem ersten abwinken las ich mir die Details auf der Internetseite durch und da stand:

»tanzwärts!« richtet sich an tanzbegeisterte Bürgerinnen und Bürger jeden Alters. Unter der künstlerischen Leitung von Chefchoreograf Gregor Zöllig, seinem Tanztheater-Ensemble und Gästen entsteht in einer intensiven fünfwöchigen Probenphase ein Tanzabend, der unter professionellen Bedingungen im Staatstheater aufgeführt wird. Dabei stehen der künstlerische Umgang mit Bewegung und die Erarbeitung einer Choreografie gemeinsam mit den Teilnehmenden im Vordergrund. Thematisch lehnt sich jedes »tanzwärts!«-Projekt an die jeweils aktuelle Produktion des Tanztheaters an.

„Inhaltlich dreht sich in „Wanderer“ alles um den Aufbruch ins Ungewisse, um die Lust und den Frust am Unterwegssein, um das Sammeln neuer Erfahrungen sowie um die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit“

https://staatstheater-braunschweig.de/produktion/tanzwaerts-wanderer-231/

Na irgendwie klingt es doch ganz cool 😀 Also schrieb ich eine Bewerbung. Es hat auch nicht lange gedauert bis eine positive Rückmeldung und die ersten Termine eintrudelten. OH Ha…jetzt wird es also doch Ernst!!! Das waren schon gemischte Gefühle…auf der einen Seite freu ich mich auf etwas total neues und auf der anderen Seite ist da das absolute Ungewisse. Wie sind die anderen Leute? Wie sind die Choreografen? Wo muss ich überhaupt hin? 😀

Am 10.05 war es dann soweit! Ich stiefelte mit meiner Sporttasche zum Großen Haus des Staatstheaters in Braunschweig und muss sagen….Das Gebäude ist schon sehr imposant!!! 

https://de.wikipedia.org/wiki/Staatstheater_Braunschweig#/media/Datei:Braunschweig_Luftaufnahme_Staatstheater_(2011).JPG

Ein paar hard Facts zum Theater:

  • Das heutige Staatstheater Braunschweig ist das älteste öffentliche Mehrspartentheater Deutschlands, seine Anfänge als Hoftheater reichen bis ins Jahr 1690 zurück.
  • Am 1. Oktober 1861 wurde nach fünfjähriger Bauzeit das Große Haus, eingeweiht
  • Das Große Haus bietet im Saal 896 Sitz- und 60 Stehplätze.
https://de.wikipedia.org/wiki/Staatstheater_Braunschweig#/media/Datei:StaatstheaterBraunschweigLassahn5.jpg

Und so stand ich also vor dem Künstlereingang und versuchte rauszufinden, wer zu meiner Gruppe gehört. So richtig geklappt hat das nicht, aber nach einiger Zeit kamen unsere beiden Choreografen und schleusten uns durch die unzähligen Gänge des Theaters bis wir unseren Probenraum erreichten. Weil unsere beiden Choreografen aus Italien (Maria-Theresa) und Schweden (Johannes) kamen, war es für alle das einfachste uns auf Englisch zu verständigen und irgendwie kommt man sich ja dann selbst ein bisschen „international“ vor 😀 

Und so setzen wir uns alle in einen Kreis, nannten unsere Namen und die Motivation bei dem Projekt mitzumachen.
Insgesamt waren wir ein bunter Haufen mit 16 Tänzerinnen und 4 Tänzern….War auch irgendwie fast klar :D…Von der Lehrerin über den Architekten bis zum Informatiker hatten wir alles an Bord. SO UND JETZT GENUG GEQUATSCHT! Lasst uns anfangen zu tanzen

Maria-Theresa und Johannes hatten ab jetzt das Wort:

Und so schlängelten, liefen und schwebten wir 3 Stunden über den Boden des Staatstheaters. Bei den Übungen ging es darum unsere Körper besser wahrzunehmen und uns einfach mal etwas zu „trauen“. Wir übten auch schon einige Bewegungsabläufe, die in die spätere Choreografie einfließen sollten.

Alles in allem war der erste Tag aber ganz schön hart 😀 Mir brannten die Füße und es war ein echt straffes Programm ohne großes rumgealber.

Am Ende gab es noch ein paar organisatorischen Punkte zu klären z.B. wurde der Probenplan ausgehändigt, der so aussah:

Gar nicht so schlimm wie gedacht 😀

Und jetzt duschen, schlafen und um 14:00 Uhr wieder am Theater stehen, dieses Mal aber mit ALLEN! Das heißt 140 Leute von 7 bis 70 in einem großen Raum und auf dem Tisch der Tanzdirektor Gregor Zöllig, der uns nach einer kurzen Begrüßung und Einführung die ersten Schritte der „Gemeinsamen Choreografie“ zeigte. Es wurde keine einzige Bewegung vom Vortag wiederholt, sondern viele neue Abläufe erlernt.Manche fühlten sich komisch an und ganz andere klangen auch so, denn Gregor sprach von „fetten Händen„, „Wegweisern“ und „kreisenden Ellenbogen„. Aber nicht verrückt machen, sondern erstmal alles über das Wochenende sacken lassen.

Denn die nächsten beiden Proben waren erst am Mittwoch und Donnerstag. Diesmal übten wir aber nicht im Theater, sondern in einer Art Turnhalle und auch an diesen beiden Tagen ging es in erster Linie darum ein Gefühl für unsere Bewegungen zu entwickeln. Mit einigen Übungen die Maria-Theresa und Johannes sehr gut anleiteten, verloren wir langsam unsere „Angst etwas falsch zu machen“ und groovten uns für die Choreo ein. Nach und nach entstanden die ersten Abläufe und wir waren sehr stolz auf das Ergebnis der ersten beiden Wochen. 🙂 Als wir aber am Samstag den Profis bei der Arbeit zusehen durften, wurde uns schnell bewusst, welchen Weg wir noch vor uns hatten, denn das, was wir geboten bekommen haben war „Champions League“. Die Tänzerinnen und Tänzer feuerten bei dem Stück „Winterreise“ ein regelrechtes Feuerwerk ab und der minutenlange Applaus sprach für sich!

Um den Profis ein Stück näherzukommen, benötigt man natürlich das richtige Kostüm und damit später auch alles perfekt sitzt, musste ich in der nächsten Woche zum Herrenschneider ins Theater und mich vermessen lassen…ich wusste gar nicht, wie viel Maße man von einem einzigen Menschen nehmen kann 😀 Dafür hat das Kostüm (grauer Pullover und beige Hose) dann auch gepasst 🙂

Die nächsten Wochen waren geprägt von unzähligen Stunden in den Probenräumen und so langsam konnte man erste Strukturen unserer Choreografie erkennen.

Um diese Fortschritte gebührend zu feiern, gab es die „After Training Picknick Sessions„…die mit der Zeit immer üppiger wurden 🙂

Auch unseren Choreografen erkannten unseren tänzerischen Fortschritt und waren absolut angetan von unseren Ergebnissen und um das zum Ausdruck zu bringen, fielen Sätze wie „Ahhhh this is not sooo bad“ 😀

Einen gefühlten Wimpernschlag später war schon die letzte Woche der Proben angebrochen und wir verließen die Turnhalle um nach einer kurzen Sicherheitseinweisung unsere geschwollenen Füße auf dem Bühnenboden bewegen. Wie sich das anfühlt? Einfach unbeschreiblich schön!

Gregor und die Choreographen übten Vormittags und Nachmittags mit uns und holte aus jedem der 140 Teilnehmer alles raus. Außerdem kamen jeden Tag neue Details hinzu. Vom Licht über die Kostüme bis hin zur Erde, die von der Decke rieselt. Immer wieder übten wir den gesamten Ablauf und die Bewegungsroutinen gingen in Fleisch und Blut über. Mein Körper bewegte sich schon fast alleine zur Musik und ich dachte mir „das ist ein gutes Zeichen“ 😉 

Samstag 15.06.2019: Tag der Premiere!!!
Heute war es also soweit. Wir hatten unseren großen Auftritt vor ausverkauften Haus! 

Bis es soweit war wurde aber noch einmal am Vormittag und Nachmittag trainiert. Wir gingen noch einmal alles durch und trafen uns vor der Show in einem großen Kreis um den motivierenden Worten von Gregor zu lauschen. „HABT SPASS“ war seine letzte Ansage und somit verschwanden alle hinter der Bühne, bis der Vorhang endlich aufging.

Auf den Monitoren im Backstagebereich konnten wir zusehen, was auf der Bühne vor sich ging…bis es dann soweit war….unser Einsatz. 

Wir brachten uns in Position und betraten die Bühne. Die Scheinwerfer leuchten so hell, dass ich das Publikum kaum sehen konnte. Dafür war auch keine Zeit, denn so schnell wie es begonnen hatte, war es auch schon wieder vorbei.

Als wir aber unsere beiden Auftritte absolviert hatten, lagen wir uns in den Armen, denn es fühlte sich so an, als wären wir richtig richtig gut gewesen und das Publikum war derselben Ansicht. Der Applaus hielt minutenlang an und ich war den Tränen doch schon seeeehr nah.

Es war geschafft!!!! Der Auftritt war perfekt, der Applaus war wunderschön und so euphorisch tanzen wir in unsere Garderoben und feierten uns alle 😀

Und jetzt ab zur Aftershowparty!!! Es wurde sich schnell umgezogen und ich war platt wer alles zu meinem Auftritt erschienen war. Papa, Mama, Bruder, meine besten Freunde und sogar meine Nachbarin hatten sich den Auftritt angeschaut. DANKE DAFÜR! Und jetzt sollten wir feiern 🙂

Ich war selten auf so einer guten Party! Es wurde getanzt (bietet sich ja an bei so vielen Tänzern 🙂 ), gelacht, getrunken und das zwischen diesen altehrwürdigen Mauern. Selbst die Angestellten des Theaters sagten „So eine tolle Premierenfeier hatten wir noch nie“ 🙂 Das bringt es auf den Punkt

Und wie sagt man so schön. „Wer feiern kann, der kann auch arbeiten“ bzw. tanzen 🙂
Ich war glaub ich einer der letzten, der im Bett lag und der Erste am nächsten Morgen, der am Theater stand. Denn das Treffen war um 09:00 Uhr in der Früh und der Vorhang öffnet sich um 11:00. Der zweite und somit letzte Auftritt lief noch glatter als der am Vorabend und irgendwie hatte ich das Gefühl, das es auch mehr Applaus gab. 🙂

Wie auch immer, das Klatschen zaubert mir eine unbeschreibliche Gänsehaut und ich vermisse den Applaus jetzt schon 😉 Danke an meine Schwester und Ihre Family, die sich die Sonntagsvorstellung angeschaut haben 🙂

Der Vorhang ging also runter und mit einem mal war alles vorbei. Wir versammelten uns zwar noch alle einmal gemeinsam, aber im Hintergrund schraubten die Handwerker schon das Bühnenbild auseinander und rissen die Teppiche raus.

Trotzdem genossen wir alle noch einmal dieses gemeinschaftliche Gefühl und lagen uns in den verschwitzen Armen. 🙂

Danke erstmal an Alice, die mich dazu gebracht hat bei diesem tollen Projekt mitzumachen.

Danke an Maria-Theresa und Johannes für eure Geduld und das ihr aus einem Haufen Rohdiamanten ein funkelndes Diamant Collier gezaubert habt.


Danke an die beste Tanzcrew der Welt
Danke Aga für deinen polnischen Exkurs zum Thema „Schimpfwörter
Danke Dave für das kreative Geschenk an unsere beiden Tanzlehrer
Danke Judith für deinen geschmeidigen „Fortnite Tanz“
Danke Jana für die Wegbegleitung nach Hause
Danke Darwin für deine super positive Ausstrahlung
Danke Kira für deine veganen Gummibärchen
Danke Jordan für den zweiten Berg
Danke Lisa für deine Taxikünste
Danke Sarah für „die Kippe danach
Danke Carolin für den perfekten „großen Schritt nach vorne
Danke Claudia für dein Alster/Radler
Danke Marie für die Ricklinger Kiesteiche
Danke Katha für die Center Shocks
Danke Kirsten für deine offene Art
Danke Jill für den perfekten Baum
Danke Shiri für das Warm-up in der letzten Reihe
Danke Anna für dein Fahrrad
Danke Regine für deine positiven Worte

Danke an alle Gäste die sich die Show angeschaut haben.

Danke an Gregor, Julia und alle die ich vergessen habe!
Es war eine super intensive Zeit, aus der ich auf jeden Fall eins mitgenommen habe…Einfach mal wieder machen….einfach mal den Mut zu haben sich etwas zu trauen egal wie bescheuert man sich dabei vorkommt! Und hoffentlich wird es noch viele viele Menschen geben die an solchen Projekten teilnehmen (Was für ein galanter Übergang zum nächsten Thema denn ich möchte etwas Werbung für das Staatstheater Braunschweig machen


Geht doch mal wieder ins Theater oder nehmt selbst an den nächsten tanzwärts Veranstaltungen teil.

Infos gibts auf der Website des Staatstheaters. Ich werde auf jeden Fall wieder mitmachen 🙂

https://staatstheater-braunschweig.de/

https://staatstheater-braunschweig.de/produktion/tanzwaerts-wanderer-231/

PS: Weil Judith und ich am nächsten Tag Geburtstag hatten, trafen wir uns alle noch einmal bei „der besten Pizza der Welt„, Milchreis mit Mango und einem leckeren Tiramisu 🙂 Danke für die schöne Party :*

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